Gewandhaus zu Leipzig – ein grünes Konzert aus Farben, Blüten und Arten
Vielfältiges Grün spielt sich beim berühmten Gewandhaus zu Leipzig nicht mehr nur auf dem Vorplatz ab, sondern auch auf 800 m² Dachfläche. Jedes Grün speichert wertvolles Regenwasser und mindert die städtische Hitzebelastung durch Verdunstung. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Gewandhaus-Verwandlung vom früheren Kiesdach zum „Biodiversitäts-Gründach“ mit der speziellen „Leipziger Gründachmischung“ und vielen weiteren Arten der Zinco-Pflanzengemeinschaften „Bienenweide“ und „Steinrosenflur“. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Der grüne Artenreichtum ließ sich überall dort realisieren, wo keine Dachränder, Fassadenanschlüsse oder technische Aufbauten vegetationsfreie Kiesstreifen erforderten. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Die Biodiversitäts-Grünflächen befinden sich auf allen umlaufenden Dachebenen, welche die aufgehenden Baukörper und den Innenhof umgeben. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Das rosafarbene Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris) und die Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) mit ihren lila Blüten gehören zur „Leipziger Gründachmischung“. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare) ist einer von 35 verschiedenen Arten der Zinco-Samenmischung „Bienenweide“ und bringt blaue Farbtupfer in den Artenreichtum. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Die Färberkamille (Cota tinctoria) ist eine von insgesamt 20 verschiedenen Arten der „Leipziger Gründachmischung“. © Zinco
Heimische Pflanzenarten stellen genau die passende Nahrungsgrundlage für heimischer Wildbienen, Schmetterlinge und weitere Insekten dar. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Der Zinco-Systemaufbau „Biodiversitäts-Gründach“ basiert auf dem Drän- und Wasserspeicherelement Floradrain FD 25 und wird auf dem Gewandhaus abschnittsweise verlegt. © HEIDEL Garten- und Landschaftsbau
Das durchdringungsfrei verankerte Zinco Arbeitsschutzgeländer Fallnet ASG bietet hier kollektiven Schutz bei allen Arbeiten auf dem Dach. © Zinco
Die Wissenschaftler der HTWK Leipzig verlegen die Sensorik auf dem Forschungs-Gründach. © Dr. Ulf Trommler HTWK Leipzig
Die Pflanzenvielfalt blüht bereits kurz nach Ausbringung und erreicht nach ein bis zwei Vegetationsperioden Flächendeckung. © Zinco
Forschungs-Gründach mit regionaltypischer Biodiversität
Das Gewandhaus zu Leipzig macht nicht nur musikalisch auf sich aufmerksam, sondern auch als Verwandlungskünstler und kommunales Vorbildprojekt für Nachhaltigkeit. Statt dem früheren Kiesdach bezaubern vielfältige Arten der heimischen „Leipziger Gründachmischung“ und des bewährten Zinco-Systemaufbaus „Biodiversitäts-Gründach“. Wärmedämmung, Regenwasserrückhalt, Verbesserung des Mikroklimas durch Verdunstung sowie Filterung von Staub und Schadstoffen geben jetzt den Takt auf dem Dach an. Das 800 m² große, grüne Meisterstück steht noch dazu unter wissenschaftlicher Begleitung. Applaus für das neue Gewand!
Das Gewandhaus zu Leipzig ist als Heimat des berühmten Gewandhausorchesters das Symbol schlechthin für die Musikstadt Leipzig. Die Geschichte geht zurück ins Jahr 1743, als sich das bürgerliche Sinfonieorchester gründete und Konzerte in einem Gasthof veranstaltete. Ab 1781 nutzte das Orchester das Handelshaus für Tuch- und Stoffwaren am Neumarkt als Konzertsaal und erlangte daraus seinen besonderen Namen („Gewand“ = Stoff). 1884 wurde dann ein eigenes Konzerthaus gebaut, das 1944 den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel. Das in der heutigen Form bekannte Gewandhaus zu Leipzig am Augustusplatz entstand 1981 und bietet akustisch wie architektonisch eine einzigartige Kulisse für die Musik.
Bereits in den vergangenen Jahren hatte das Gewandhaus verschiedene Baumaßnahmen zur energetischen Sanierung umgesetzt, darunter Investitionen in ein Wärmerückgewinnungssystem, in Beleuchtung, Fenster und Fassaden. Die Verwandlung des früheren Kiesdaches in ein „Biodiversitäts-Gründach“ war ein weiterer Meilenstein in der nachhaltigen Weiterentwicklung des Gebäudes. Toni Schlesinger, Technischer Leiter des Gewandhauses betont: „Wir möchten über die Kultur hinaus zu einer lebenswerten Stadt beitragen. Deswegen haben wir dieses Gründach mit regionaltypischer Biodiversität realisiert, das sogar zu Forschungszwecken dient. Die Rahmenbedingungen dafür sind hier in Leipzig ideal.“
Gründach-Protagonisten in Leipzig
Die Stadt Leipzig verfolgt seit Jahren eine sehr aktive Gründachpolitik als Bestandteil ihrer Klimaanpassungsstrategie. Das umfangreiche Förderprogramm für Dachbegrünungen, Fassadenbegrünungen und Entsiegelung zielt darauf ab, naturnahe Ausgleichsflächen in der Stadt zu schaffen und Leipzig als Schwammstadt zu entwickeln. Das Amt für Umweltschutz arbeitet dazu mit den Leipziger Wasserwerken und wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem UFZ (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung) und der Hochschule HTWK Leipzig (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur) im Lenkungskreis „Wassersensible Stadtentwicklung“ zusammen.
Auf Initiative des Amtes für Umweltschutz und des UFZ hat sich bereits vor Jahren der „Leipziger Gründach Think Tank“ gegründet, in dessen Verbund Akteure aus dem Gartenbau, der Forschung, kommunale Behörden und auch Gründachhersteller intensiv zusammenarbeiten. „Unsere Forschungs-Gründächer liefern im Feldversuch wichtige Erkenntnisse zur Funktion von Gründächern, ihrer Auswirkung auf das Gebäudeklima und die Umgebung, ihrer Wasserrückhaltung und zum Abbau von Schadstoffen durch die Bepflanzung“, erklärt Dr.-Ing. habil. Lucie Moeller, Umweltbiotechnologin am UFZ. Das Gewandhausdach ist eines von insgesamt vier Forschungs-Gründächern.
Hitze und Starkregen im Ensemble
Die Stadtklimaanalyse Leipzig stuft das dicht bebaute Areal um das Gewandhaus insgesamt als klimatischen Sanierungsbereich ein, in dem ungünstige bis sehr ungünstige Belastungssituationen vorliegen. Das bedeutet besondes hohe städtische Hitzeentwicklung mit Risiken für die Gesundheit der Bevölkerung.
Das bedeutet, Extremwetter können besonders katastrophale Auswirkungen haben, weil Starkregen schnell die Kanalisation überlastet. Hier ist jeder Quadratmeter Grünfläche durch seine ausgleichenden Effekte wertvoll. Die neue Dachbegrünung des Gewandhauses speichert Regenwasser und verbessert das Kleinklima durch die Verdunstungsleistung der Pflanzen. Sie wirkt wie eine zusätzliche Dämmschicht mit dem Effekt, dass die Innenräume in der Sommerhitze kühler bleiben (Einsparung von Kosten für Klimatisierung) und im Winter wärmer (Einsparung von Heizkosten). Außerdem hilft die Substratschicht, Schallreflexionen im Inneren des Gewandhauses zu reduzieren.
Die Dramaturgie von Kies zu Grün
Die planerische Verantwortung für die Verwandlung des denkmalgeschützten Gewandhauses oblag dem Leipziger Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung, Dipl.-Ing. Toralf Schmidt, als langjährigem Baubetreuer des Gewandhauses. Die enge Zufahrt und die begrenzten Standflächen am Augustusplatz stellten eine logistische Herausforderung dar, zumal auf den laufenden Spielbetrieb des Gewandhauses Rücksicht zu nehmen war.
Nach Verlegung der Arbeitsschutzgeländer entlang der Dachränder startete das umfangreiche Sanierungsprojekt als erstes mit der Demontage von Blitzschutzanlage und Beleuchtung. Nach der Absaugung des alten Kieses durch die Firma Wagner GmbH aus Zwenkau wurden Dachabdichtung und Abläufe vollständig erneuert. Auf dieser Basis konnte nun die erfahrene Firma HEIDEL Garten- und Landschaftsbau aus Hartenstein mit den Dachbegrünungsarbeiten beginnen.
Der Begrünungsaufbau im Zusammenspiel
Der Zinco-Systemaufbau „Biodiversitäts-Gründach“ startete mit der Verlegung der Wurzelschutzfolie WSF 40 sowie der Schutz- und Speichermatte SSM 45. Als durchgängige Basis folgten sodann die Drän- und Wasserspeicherelemente Floradrain FD 25. Diese 1 x 2 m großen und 25 mm hohen Elemente aus Recycling-Polyolefin speichern Regenwasser in ihren oberseitigen Mulden und führen etwaiges Überschusswasser auf der Unterseite sicher den Dachabläufen zu. Sie spielen damit die Hauptrolle im Zinco-Systemaufbau. Nachfolgend sind per Silozug insgesamt 60 m³ der Zinco-Systemerde „Steinrosenflur“ auf die zu begrünenden Flächen aufgeblasen worden. Aus statischen Gründen beträgt die Substrathöhe überwiegend 8 bis 10 cm. In den Flächen mit Anhügelungen bis zu 15 cm kann sich höherer Artenreichtum etablieren.
Kiesfangleisten grenzen die Substrat- von den Kiesflächen ab, welche sich entlang des Dachrandes und der Fassaden sowie im Bereich der technischen Aufbauten befinden. Bevor die Pflanzen ihren Einsatz bekamen, hatten die beteiligten Wissenschaftler ihren Auftritt, um die Sensortechnik zu verlegen.
Die Begleitung
Unter Leitung von Dr. Martin Weisbrich von der HTWK Leipzig (Forschungsgruppe „Sensorik und Monitoring“ des Instituts für Betonbau) verlegten die Wissenschaftler faseroptische Messtechnik in einem etwa 150 m² großen Versuchsfeld zur Erfassung von Temperatur- und Feuchteverteilung im Substrat. Die Daten sind in Echtzeit abrufbar und über einen QR-Code sogar der Öffentlichkeit zugänglich. Ergänzt um Drohnenaufnahmen mit einer Wärmebildkamera erfassen die Wissenschaftler damit entscheidende Frühwarnsignale für Trockenheit. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich das Gründach rechtzeitig und zielgerichtet dort bewässern, wo das Substrat zu trocken ist, damit die Pflanzen in einem guten Zustand bleiben. Das sind wichtige Erkenntnisse für den Erhalt von Gründächern in der Praxis.
Gleichzeitig werden unter der Leitung des UFZ insbesondere mikroklimatische Effekte im Forschungsprojekt ValiGrün erforscht. In diesem durch den Sächsischen Landtag und die EU kofinanzierten Projekt arbeiten neben der HTWK Leipzig auch die Technischen Universität Dresden und das Leipziger Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) an der Frage, wie gut sich Gründächer als Baustein blau-grüner Infrastruktur zur Klimaresilienz in Städten eignen und wie sich ihre mikroklimatischen Effekte weiter verbessern lassen.
Vielstimmiges Konzert der Pflanzen
Eine Dachbegrünung weist dann einen hohen ökologischen Mehrwert auf, wenn sie über eine einfache Sedumbegrünung hinausgeht. Ist die Vegetation artenreich und etabliert sich in dieser Form dauerhaft, dann leistet sie einen wirksamen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Entscheidend sind dafür standortgerechte, an die lokalen Klimabedingungen angepasste Pflanzenarten, die dank hoher Resilienz für eine stabile Vegetationsentwicklung sorgen. Heimische Pflanzenarten stellen zudem genau die passende Nahrungsgrundlage für heimischer Wildbienen, Schmetterlinge und weitere Insekten dar.
Leipzig legt richtigerweise in seinen Förderrichtlinien für Dachbegrünung genau darauf Wert und entwickelte die spezielle Samenmischung „Leipziger Gründachmischung“ aus heimischen, insektenfreundlichen Kräutern und Steingartengewächsen. Unter den insgesamt 20 verschiedenen Vertretern finden sich schnell und reich blühende Arten wie Färberkamille (Cota tinctoria), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) und Nickendes Leimkraut (Silene nutans), aber auch Thymian- und Nelkenarten. Mit der Praxisanleitung „Leipziger Gründächer pflegen, erhalten und optimieren“ unterstützt Leipzig alle Bauherren und Interessierte bei der Realisierung von ökologisch hochwertigen Gründächern.
Das Gewandhaus profitierte bei der Pflanzenauswahl von der fachlichen Begleitung durch Dr. Peter Otto, Kurator des Herbariums der Universität Leipzig. Neben einigen Kilogramm ausgebrachtem Samen wurden insgesamt 2.765 Klein- und Flachballenpflanzen aus neun Pflanzenfamilien auf das Gründach gepflanzt, die regional produziert wurden. Dafür arbeitet Leipzig mit bestimmten Gärtnereien, z.B. mit dem Berufsbildungswerk Leipzig für Hör- und Sprachgeschädigte, in der Region zusammen. Außer der „Leipziger Gründachmischung“ berücksichtigte Dr. Otto auch Arten der Zinco-Pflanzengemeinschaften „Steinrosenflur“ und „Bienenweide“ für das Gewandhaus. Das Sortiment „Bienenweide“ enthält mehr als 35 nektarreiche und zeitversetzt blühenden Pflanzenarten. Ihre Blütezeit beginnt bereits im März mit Frühlings-Fingerkraut (Potentilla neumanniana) und Rauem Veilchen (Viola hirta) und reicht dank Hoher Fetthenne (Sedum telephium) bis in den späten Herbst. Die Zinco-Pflanzengemeinschaften weisen mit der „Leipziger Gründachmischung“ verständlicherweise gewisse Überschneidungen auf, da alle Mischungen auf standortgerechten und langfristig stabilen Artenreichtum abzielen.
Ein Meisterstück mit Resonanz
Das „Biodiversitäts-Gründach“ des Gewandhauses bringt nicht nur Lebensraum für Fauna und Flora in Leipzigs Innenstadt oder Vorteile für die Energiekosten des Gebäudes und die Langlebigkeit seines Daches. Als Forschungs-Gründach werden wichtige Erkenntnisse für den Erhalt von Gründächern in der Praxis gewonnen und mikroklimatische Effekte untersucht. Dank der interdisziplinären und transparenten Arbeit der Wissenschaftler wird das Forschungs-Gründach gezielt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie zum Beispiel durch den QR-Code für das Monitoring oder den eigens erstellten Film über das „Biodiversitäts-Gründach“, der im Gewandhaus läuft. Damit gewinnt das besondere Gründach die gebührende Resonanz als kommunales Vorbildprojekt für Leipzig.
Film über das „Biodiversitäts-Gründach“ des Gewandhauses zu Leipzig
https://www.youtube.com/watch?v=pV-oOFrg8ZA
Broschüre „Leipziger Gründächer pflegen, erhalten und optimieren“
https://www.leipzig.de/leipzig-strategie/energie-und-klima/klimawandelanpassung-und-stadtklima/gruendachfoerderung
Autorin: Dipl.-Wirt.-Ing. (FH) Sandra Schöll, Pressestelle Zinco GmbH
Bautafel
Bauprojekt: Biodiversitäts-Gründach auf dem Gewandhaus zu Leipzig, Augustusplatz 8, 04109 Leipzig
Baujahr: 2024/2025
Dachfläche: ca. 800 m²
Begrünungsaufbau: Zinco-Systemaufbau „Biodiversitäts-Gründach“ mit regionaltypischer „Leipziger Gründachmischung“ sowie Zinco-Pflanzengemeinschaften „Bienenweide“ und „Steinrosenflur“
Bauherr: Gewandhaus zu Leipzig, Eigenbetrieb der Stadt Leipzig, 04109 Leipzig
Architekt: Dipl.-Ing. Toralf Schmidt Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung, 04103 Leipzig
Ausführung Dach: M. Mieth Bedachungen und Bau GmbH, 04129 Leipzig
Ausführung Begrünung: HEIDEL Garten- und Landschaftsbau, 08118 Hartenstein
Systemlieferant: Zinco GmbH, 72622 Nürtingen
Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Zinco GmbH
Lise-Meitner-Str. 2
72622 Nürtingen
Tel. 07022 6003-0
E-Mail: info@zinco-greenroof.com